[Ip-health] Süddeutsche Zeitung Magazin - Medizin ist ein öffentliches Gut, jeder muss sich das leisten können«

Thiru Balasubramaniam thiru at keionline.org
Sun May 10 06:41:32 PDT 2020


https://sz-magazin.sueddeutsche.de/gesundheit/jamie-love-manon-ress-interview-corona-covid-19-88769

07. MAI 2020 AUS HEFT 19/2020
GESUNDHEIT

»Medizin ist ein öffentliches Gut, jeder muss sich das ­leisten können«

Wie lassen sich Medikamente gegen ­Covid-19 weltweit schnell verfügbar
machen? Und wie bekommt man Firmen dazu, an den ­wichtigsten Mitteln zu
forschen, nicht an den ­profitabelsten? Ein US-Aktivistenpaar hat die
Antworten – und enthüllt dabei, was in der Pharma-Industrie falsch läuft.

Jamie Love (links) und Manon Ress haben zwei gemeinsame Kinder und je eines
aus früheren Ehen. Sie betreiben zusammen die Organisation Knowledge
Ecology International, die sich für gerechtere Regeln bei geistigem
Eigentum einsetzt – besonders in der Pharmabranche.

SZ-Magazin Was bedeutet Covid-19 für Sie persönlich?
Manon Ress: Als klar war, dass Alte und Immungeschwächte besonders
gefährdet sind, hielt ich kurz inne: Jamie ist siebzig und hat Asthma. Ich
habe Krebs. Also sagte ich zu ihm: »Schauen wir mal, wer von uns beiden
zuerst stirbt.« Ich glaube, er mag diese Art von Witzen nicht.

Machen Sie sich keine Sorgen?
Ress: Ich lebe seit zehn Jahren mit dem Wissen, dass ich jeden Moment tot
sein könnte. Jetzt stellen sich plötzlich alle die gleichen Fragen wie ich:
Wie können wir noch über die Zukunft nachdenken, oder auch nur über die
nächste Woche? Für unsere Kinder klingt es jetzt ganz anders, wenn ich
ihnen sage: Ein Tag nach dem anderen. Macht nur, was ihr liebt!

Trotzdem warnen Sie beide gerade täglich, dass wir zu wenig über die
Zukunft nachdenken.
Jamie Love: Wir haben einige Erfahrung mit solchen Krisen, etwa mit der
Aids-Epidemie. Da haben wir uns Ende der Neunzigerjahre stark eingemischt,
weil Millionen Menschen – vor allem in Entwicklungsländern – die
Medikamente nicht bekamen, dank derer die Krankheit nicht mehr zwingend
tödlich war. Schon in normalen Zeiten belastet es Patienten und
Versicherungen, dass wirksame Medikamente extrem teuer sind – entweder weil
sie die Medikamente nicht bekommen oder weil die Kosten sie erdrücken. Aber
jetzt verlieren Leute ihre Jobs, ihre Häuser, sie verlieren alles, wenn sie
nicht arbeiten können. Wie lange das geht und wie tief wir fallen,
einschließlich aller politischer Verschiebungen, hängt davon ab, dass wir
Tests, Medikamente und Impfstoffe bekommen, und vor allem davon, dass wir
sie weltweit zugänglich machen – und bezahlbar. Und dabei können uns
Patente und andere Schutzrechte im Weg stehen.

In der Stadt Wildkräuter zu finden, auf die noch kein Hund gepinkelt hat,
ist gar nicht so leicht. Unser Kochkolumnist kennt dem richtigen Ort und
hat ein Rezept kreiert, das die wilde Taubnessel mit Spargel, Kartoffeln
und Mairübchen zusammenbringt.

Was meinen Sie?
Love: Momentan funktioniert unser System in etwa so, als würden Regierungen
den Pharmakonzernen sagen: »Dieses Medikament entscheidet darüber, ob
jemand lebt oder stirbt. Warum legen Sie den Preis nicht einfach selbst
fest, ganz so, wie Sie mögen? Und wir sichern Ihnen dann noch ein Monopol
über zwanzig Jahre!« Man kann das moralisch nicht rechtfertigen während
einer Pandemie, da muss einfach jeder Zugang bekommen.

Verhindern Patente Ihrer Einschätzung nach auch den Zugang in
Industrieländern?
Ress: Ja, wir erleben das längst nicht mehr nur in Entwicklungsländern.
Laut einer niederländischen Recherche musste Ende März die EU-Kommission
einschreiten, weil Roche in den Niederlanden das Rezept einer Pufferlösung
für den Corona-Test zurückhielt und die Labore keine Tests produzieren
konnten. Oder: Israel wollte das patentgeschützte HIV-Medikament Kaletra
gegen Covid-19 testen – und musste erst eine Zwangslizenz erlassen.

Wann kamen Sie zum ersten Mal zu der Überzeugung, dass Patente nicht immer
gut für Patienten sind?
Ress: Für mich wurde es besonders deutlich, als meine Mutter an Krebs
erkrankte. Sie lehnte damals eine Chemotherapie ab, als sie den Preis
erfuhr: 80 000 Dollar. Sie war nicht versichert, also wollten meine beiden
Geschwister und ich Kredite aufnehmen und je ein Drittel beisteuern. Aber
sie sagte: Auf keinen Fall, ich zahle kein Geld an die Pharmaindustrie! Es
blieb dabei, sie wurde nicht behandelt und starb. Dabei kosten diese
Medikamente nahezu nichts in der Herstellung.

Love: Ich hatte schon immer ein Faible für Patente. Anfang der Neunziger
habe ich in Argentinien und Brasilien erlebt, wie viele wichtige
Medikamente dort nicht verfügbar waren – und wie viel Druck die
US-Regierung und europäische Regierungen auf Entwicklungsländer ausübten,
damit sie keine Patente brechen, um Produkte günstiger zu machen. Aber
richtig besessen von dem Thema, vom Schaden, den Monopole anrichten, bin
ich seit der Aids-Krise.

Die 62-jährige Aktivistin Manon Ress setzt sich unter anderem bei der
Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) dafür ein, dass bei der
Wahrung von Urheberrechten auch Nutzer, Patienten und Konsumenten
berücksichtigt werden. Das wurzelt im Privaten: Ihre Mutter ­erblindete
wegen einer Krebserkrankung, Ress las ihr jahrelang vor. Es gab kaum
französische Bücher für Blinde, und Ress verstand bald, dass Urheberrechte
oft die Produktion blindengerechter Fassungen erschwerten. Sie wirkte
entscheidend an einem ­weltweiten Abkommen über Urheberrechts-Ausnahmen für
Blinde mit.

Der 70-jährige Ökonom und Aktivist Jamie Love stellte in den
Neunzigerjahren während der ­Aids-Krise die Monopole der größten
­Pharmakonzerne in Frage. Damals setzte er durch, dass die
Welthandelsorganisation WTO Ausnahmen vom Patentschutz in Notlagen der
öffentlichen Gesundheit ­erlaubt. Er verhandelte außerdem einen Preis von
einem Dollar pro Patient und Tag für die ersten wirksamen HIV-Medikamente,
um sie für mehr als 20 Millionen ­Infizierte, vor allem in Afrika,
zugänglich zu machen. Love berät Regierungen, UN-­Organisationen und
globale NGOs.

Was ist damals passiert?
Love: Ich wurde Anfang 1999 zu einem Treffen von Aktivisten in New York
eingeladen. Sie hatten jahrelang dabei zusehen müssen, wie die Leute um sie
herum an Aids starben. Seit 1997 war die Krankheit in den USA nicht mehr
zwingend tödlich – es gab Medikamente, mit denen man HIV-positiv sein und
trotzdem alt werden konnte. Aber auf internationalen Konferenzen sahen die
Aktivisten: Die Delegierten aus Entwicklungsländern starben immer noch.

Mehr als 24 Millionen Infizierte, vor allem in Afrika, konnten sich diese
antiretroviralen Medikamente nicht leisten, weil sie patentgeschützt waren.
Pro Jahr und Person kosteten sie 15 000 Dollar.
Love: Ich bin Ökonom und wusste von meiner Arbeit an Medikamenten und
Software, dass Länder Patente und die auf ihnen basierenden Monopole
brechen und eine Zwangslizenz erteilen dürfen, damit andere Firmen eine
bezahlbare Kopie herstellen. Im Fall von HIV hätte das ermöglicht,
bezahlbare Generika zu bekommen. Die Aktivisten in New York hatten davon
noch nie gehört, also hab ich das in einem Vortrag erklärt. Aber viele von
ihnen waren dagegen. Sie glaubten, Pharmafirmen würden dann keine neuen
Medikamente mehr entwickeln – zum Beispiel für Patienten, deren Virus
resistent gegen die bisherigen Medikamente würde. Dann erfuhr ich, dass Al
Gore im Gegenzug für eine große Wahlkampfspende von Bristol-Myers Squibb
zugesagt hatte, die südafrikanische Regierung unter Druck zu setzen, keine
Patente zu brechen. Ich fand das so offensichtlich rassistisch und
abstoßend, dass ich vor lauter Wut beschloss, für den Einsatz von
Zwangslizenzen zu kämpfen.

Wie gingen Sie vor?
Love: Ich wollte, dass Politiker sich auf die Kosten für generische
HIV-Medikamente fokussieren. Also bin ich damals um die Welt gereist und
habe alle möglichen Leute gefragt, was es wirklich kostet, diese
Medikamente herzustellen. Im August 2000 traf ich mich in London mit Yusuf
Hamied, dessen indische Firma Cipla die Medikamente für viele große
Markenkonzerne produzierte sowie HIV-Medikamente für Märkte wie Indien und
Brasilien, wo es noch keine Patente darauf gab. Ich fragte ihn: Vergessen
Sie kurz den Patentschutz – wie billig könnten Sie das Medikament anbieten?
Er nahm einen Stift und rechnete es mir vor: »Die erste Komponente kriegen
Sie für 35 Cent pro Tag und Patient, die zweite für 65 Cent, und der dritte
Wirkstoff ist so billig, den gebe ich Ihnen gratis.« Also ein Dollar pro
Tag, pro Patient, und er würde immer noch Gewinn machen.

Dieser Preis war später sehr entscheidend dafür, dass der Global Fund zur
Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria eingerichtet wurde.
Love: Trotz des günstigen Preises, obwohl Südafrika einen Prozess gegen die
größten Pharmakonzerne der Welt gewann und obwohl die
Welthandelsorganisation 2001 Ausnahmen vom Patentschutz für den Zugang zu
Medikamenten beschloss, dauerte es noch einmal zwei Jahre, bis jeder in
Südafrika die Medikamente bekommen konnte – bis die Wettbewerbskommission
Zwangslizenzen für Generika vergab. Der HIV-infizierte Aktivist Zackie
Achmat zwang die Kommission vor Gericht dazu. Und er brachte die
Öffentlichkeit hinter sich, weil er die Einnahme seiner Medikamente
verweigerte, solange nicht jeder in Südafrika sie bekäme. Er wäre fast
gestorben.

Frau Ress, 2010 wurde bei Ihnen Brustkrebs im fortgeschrittenen Stadium
festgestellt. Wie erinnern Sie sich an den Tag der Diagnose?
Ress: Ich hatte schon an Weihnachten einen Knoten in meiner Brust gespürt,
aber ich war so absorbiert in unserer Arbeit, dass ich nicht zum Arzt ging.
Im Mai war Jamie mit unserer Tochter in Genf, da bin ich endlich hin. Ich
hatte dem Krebs wohl zu viel Zeit gelassen. Die Onkologin sagte mir, dass
ich Brustkrebs in fortgeschrittenem Stadium habe. Ich hatte Metastasen in
ein paar Lymphknoten und in der Lunge. Sie gab mir fünf bis zehn Jahre,
ohne Behandlung zwei. Ich war überrascht, wie wenig Angst mir das machte –
das war wohl zu abstrakt. Sie sagte mir auch, dass ich eine aggressive
Genvariante von Brustkrebs habe, Her2-positiv. Gegen diese Variante gab es
sehr wirkungsvolle, gezielte Medikamente. Sie sagte, dass ich Herceptin
bekommen würde, das war damals eines der teuersten Krebsmedikamente der
Welt, ein biologischer Wirkstoff. Und ich weiß noch, wie ich als Erstes
gedacht habe: Schau an, das wird spannend werden für Jamie!
Love: Vor der OP musste Manon eine von zwei Chemotherapien wählen. Man
braucht einen Gentest, um Gewissheit zu haben, welche besser wirkt. Aber
der wurde ihr nicht rechtzeitig bewilligt – wir mussten raten! Und warum
bewilligte die Versicherung den Test nicht? Weil er 4000 Dollar kostet. Und
das, obwohl er billig zu produzieren ist und mit staatlichen Fördermitteln
entwickelt wurde.
Ress: Ich weiß nicht, warum ich so gelassen war. Meine Schwester hatte ein
Jahr vorher Krebs gehabt und überlebt. Vielleicht dachte ich damals noch:
Ein Jahr Herceptin, und dann bin ich geheilt. Richtig geschockt war ich
erst, als der Krebs später zurückkam.

Was ist dann passiert?
Ress: Während ich Herceptin nahm, wurde ein Medikament für die sogenannte
Zweitlinientherapie zugelassen, Kadcyla, auch von Roche. Es machte meinen
Krebs zu einer chronischen Krankheit – er kann nicht geheilt werden, aber
ich kann weiterleben. Kadcyla kostete hier in den USA damals fast 150 000
Dollar pro Jahr. Es gab keine gute Alternative, erst Jahre später wurde
Perjeta für Frauen in meinem Stadium des Krebses zugelassen. Das bekomme
ich jetzt, in Kombination mit Herceptin, seit die Nebenwirkungen unter
Kadcyla zu stark wurden. Bisher ist dieses Medikament super – davon
abgesehen natürlich, dass ich alle drei Wochen eine Rechnung über 27 000
Dollar bekomme.

»Ich bin sicher, wir können genauso viel Innovation haben oder sogar mehr –
sie wird nur anders finanziert. Bisher wird sie durch hohe Verkaufspreise
finanziert, bezahlt von wenigen Patienten«

Also etwa eine halbe Million im Jahr?
Ress: Genau. Das ist der Listenpreis für Privatpatienten. Meine
Versicherung hat Rabattverträge verhandelt und zahlt in Wirklichkeit etwas
weniger als die Hälfte. Aber meine Ärztin muss ständig darum kämpfen, dass
ich es durchgängig nehmen kann – der Versicherung wäre es lieber, wenn ich
immer mal wieder eine Pause einlege. Um zu schauen, ob die Therapie
anschlägt, schon klar.
Love: Es ist verrückt. Dabei kosten diese Medikamente in der Herstellung
nur ein paar Dollar pro Woche. Wenn ein Gesundheits-system sein ganzes Geld
für solche Medikamente ausgibt, obwohl sie günstig zu produzieren sind,
dann rechnen Sie sich aus, warum es uns jetzt an Pflegekräften mangelt!
Aber es passiert noch was anderes: Bei Krebs sollten Ärzte ausprobieren
können, welches Mittel gut wirkt. Wenn Medikamente so teuer sind, nimmt man
Kranken die Chance, herauszufinden, ob ein Mittel bei ihnen vielleicht
besser anschlägt als bei anderen, oder ob sie es besonders gut vertragen.
Eine Patientin lebt noch zwei Monate, eine andere zwanzig Jahre. Manon hat
das Glück, bei ihrem Medikament nicht zu den Kranken im Median zu gehören,
denn die sind lange tot.

Ihre Medikamente wurden immer gerade rechtzeitig neu zugelassen, bevor
Ihnen die Optionen ausgingen, Frau Ress. Besteht nicht die Gefahr, dass
neue Entwicklungen ausbleiben, wenn man Firmen ihre lukrativen Monopole
wegnimmt?
Ress: Wir ersetzen ja nur schlechte Anreize durch bessere, etwa
umfangreiche Geldpreise für Innovation. Leute scheinen zu glauben, wir
dürfen die Pharmaforschung nicht verändern. Die Musikindustrie hat uns doch
gezeigt, dass wir nicht immer am alten Modell festhalten müssen. Ich bin
sicher, wir können genauso viel Innovation haben oder sogar mehr – sie wird
nur anders finanziert. Bisher wird sie durch hohe Verkaufspreise
finanziert, bezahlt von wenigen Patienten. Solange die Patienten Teil der
Gleichung sind, sind wir wie Geiseln. Aber Medizin kann man als
öffentliches Gut behandeln, das sich jeder leisten können muss. Herceptin
ist in Entwicklungsländern fast nicht zu bekommen, also ist mein Krebs dort
tödlich. Kadcyla hätte ich damals sogar in Europa in vielen Ländern nicht
bekommen, weil es zu teuer war – 1500 Frauen in Großbritannien mit dem
exakt gleichen Krebs wie ich bekamen es nicht, weil der dortige Preis, 94
000 Pfund pro Jahr, das britische Gesundheitssystem NHS in die Knie zu
zwingen drohte. Frauen wie ich wurden als Geiseln genommen, damit der NHS
irgendwann doch nachgibt und den verlangten Preis bezahlt. Es war ein
klarer Missbrauch des Patents. Selbst nach einer ersten Einigung wurde das
Medikament noch jahrelang rationiert. Nur wenige Patientinnen bekamen es,
bezahlt aus einem speziellen Fonds für Krebsmedikamente. Jetzt hat man sich
auf einen Preis geeinigt, aber Roche hält die genaue Summe geheim.

Wie sähe nun in der Corona-Krise ein fairer Weg aus? Kann man Firmen
enteignen, die Geld in Forschung investiert haben?
Love: Ich halte das nicht für Enteignung. Oft reden wir von Medikamenten
und Impfstoffen, die mit öffentlichen Mitteln finanziert wurden. Wir haben
mit der Regierung von Costa Rica an einem Plan gearbeitet, den sie der WHO
vorgeschlagen hat und den inzwischen auch die EU unterstützt: Jede
Institution, die Forschung finanziert, soll in ihre Verträge für Forschung
zu Corona eine Option eintragen, dass die Rechte an allen Ergebnissen in
einen weltweiten Pool unter dem Dach der WHO einfließen. Firmen, die
Patente halten, würden aufgefordert, dem Pool freiwillige Lizenzen zu
erteilen.
Ress: Mit dem Pool stünden die effizientesten Generika-Hersteller der Welt
in Konkurrenz: Alle diese Firmen wollen einen Teil des enor­men Volumens
liefern, das jetzt nachgefragt wird. Und um sich Marktanteile zu sichern,
senken sie die Preise – das muss ein Monopolist nie tun, weil niemand gegen
ihn antreten darf. So würden wir uns einem günstigen Generika-Preis
annähern: was es kostet, ein Medikament herzustellen, plus ein moderater
Gewinn. Die Pharmakonzerne mit dem Patent bekämen eine Lizenzgebühr für
jede weltweit hergestellte Dosis, sie verdienen dann also mit.

Was ist mit Medikamenten, die es schon gibt? Fachleute hielten zu Anfang
der Pandemie etwa das antivirale Präparat Remdesivir gegen Covid-19 für
vielversprechend – aber die Firma Gilead hält die Rechte daran und hat
schon in mehr als siebzig Ländern ein Patent dafür beantragt.
Love: Für solche Fälle schlagen wir einen Buyout vor: Statt das Monopol
laufen zu lassen, sollten Regierungen den Firmen die Rechte an allen Tests,
Medikamenten und Impfstoffen abkaufen, die sich als hilfreich erweisen, und
sofort Lizenzen für die weltweite Herstellung vergeben. Die kann dadurch
schneller hochgefahren werden, und die Preise würden fallen. Wir haben mit
möglichen Produzenten gesprochen, Medikamente wie Remdesivir sind günstig
herzustellen. Jeder Wirkstoff, der sich als tauglich erweist, ist einfach
zu wertvoll, um nicht frei verfügbar zu sein.

Man nähme Gilead das Geschäft weg. Mit welchem Recht?
Love: Diese Firmen würden entschädigt. Aber eben nicht nach dem Motto: Ihr
Haus brennt ab, wie viel können Sie mir für einen Wasserschlauch zahlen?
Niemand hat ein gottgegebenes Recht, sich an einer Pandemie zu bereichern.
Sie war auch nicht Teil des Geschäftsplans.

Welcher Preis wäre dann sinnvoll?
Love: Der Preis sollte sich zuerst daran orientieren, wie gut das
Medikament wirkt, aber auch daran, was die Entwicklung wirklich gekostet
hat und wie viel Risiko die Firma übernommen hat: Der Buyout sollte teurer
sein, wenn die Firma alle Studien bezahlt hat und nicht die Regierung. Im
Fall von Remdesivir haben wir uns das angeschaut. Für die frühen Studien
kam viel Geld aus staatlichen Töpfen. Gilead hat nur wenige klinische
Studien voll finanziert. Ihre genauen Ausgaben halten Pharmafirmen streng
geheim, aber ich schätze, sie dürften nicht mehr als zehn Millionen
investiert haben. Als Regierung müssen Sie da sagen: Entweder wir einigen
uns auf einen Preis, oder wir vergeben eine Zwangslizenz und diktieren die
Bedingungen. Ich halte es für vertretbar, einer Firma die Rechte für ein
solches Medikament dann für hundert Millionen Dollar abzukaufen – oder
mehr, falls sich doch noch ein existierendes Medikament als wirksam
herausstellt. Das ist viel Geld, aber ab dem Moment werden die Medikamente
spottbillig, sie können dezentral produziert werden, in viel größeren
Mengen – und jeder auf der Welt hätte etwas davon! Zahlungskräftige
Regierungen sollten für die Rechte zusammenlegen, die Amerikaner, die
Deutschen, Japan, China.

Was ist mit Impfstoffen, für die erst noch Patente beantragt werden?Ress:
Auch da gibt es einen Weg, wie man nicht am Verkaufspreis erstickt: Die
wichtigsten Geldgeber für Forschung sollten riesige Geldtöpfe
zusammenwerfen und daraus Innovationsanreizpreise ausloben für alles, was
wir jetzt brauchen – Impfstoffe, Medikamente, Technik. Man setzt einen
Fonds auf, lassen Sie es zwei Milliarden Dollar aus dem einen Land sein und
zehn aus einem anderen. Jeder, der nützliche Erkenntnisse produziert, wird
daraus bezahlt, man nennt das Markteintrittsbelohnung. Aber die Wirkstoffe
und Technologien sind sofort lizenzierbar, open source. Dann haben wir
einen Preiswettbewerb.
Love: Dabei geht es nicht darum, die Konzerne ohne Gewinn abzuspeisen: Wir
reden von Milliardensummen, die verteilt werden können – Firmen bekämen ein
Vielfaches ihrer tatsächlichen Entwicklungskosten, für manche Entdeckungen
würde es sich lohnen, mehr als eine Milliarde Euro auf einen Schlag zu
vergeben. Die Krise kostet uns jeden Tag, den sie länger dauert, ebenfalls
Milliarden. Sowohl bei einem Buyout der Rechte als auch bei solchen
riesigen Innovationspreisen geht es darum, den Anreiz für Forschung vom
später erzielbaren Verkaufspreis zu entkoppeln. Wir nennen das Delinkage.
Nur so bekommen wir Innovation und günstige Preise gleichzeitig.

Für die Erforschung von Antibiotika waren einige wichtige Pharmakonzerne
halbwegs an Bord, was Delinkage betrifft. Aber kein großer Geldgeber war
bereit, substanzielle Innovationspreise auszuloben, wie Sie sie
vorschlagen. Ist Covid-19 eine Chance, ein solches Modell doch noch
umzusetzen?
Ress: Absolut. Die WHO muss jetzt zeigen, was sie kann! Ich glaube,
Covid-19 könnte ein Game Changer sein. Wenn wir das nicht hinkriegen, wird
es eine Katastrophe.
Love: Wenn Sie große Anreize wollen, dann bieten Sie supergroße
Markteintrittsbelohnungen in Form von Innovationspreisen. Superhohe
Verkaufspreise sind dumm. Sie töten Menschen. Sie begrenzen den Zugang. Sie
zerstören die Medizin. Sie sind schuld, dass immer öfter nicht Ärzte
entscheiden, was verschrieben wird, sondern Betriebswirte.

Aber bei Covid-19 scheinen die Anreize doch zu wirken? Tests etwa waren
nach wenigen Tagen verfügbar.
Love: Das ging nur, weil chinesische Forscher die Sequenzen öffentlich
machten, statt sie zu bunkern. Und zweitens sollten wir mehr über den Preis
der Tests reden. Die Firma Abbott hat einen Fünf-Minuten-Schnelltest auf
das Virus verkündet. Es macht einen Unterschied aus, ob dieser Test für 30
Dollar verkauft wird oder für drei.

Also kauft man Abbott die Rechte ab, und alle Länder legen zusammen?
Ress: Dann wird es Lohnhersteller in aller Welt geben, die die Tests für
drei Euro profitabel produzieren.
Love: Wir wollen ja im Idealfall nicht nur einen Test pro Person machen,
sondern wir wollen dieselben Leute mehrfach testen – Ärztinnen und Ärzte,
Pflegerinnen und Pfleger mindestens täglich. Und Sie gehen zum Zahnarzt und
finden vor der Behandlung heraus, ob er infiziert ist, oder Sie selbst.
Viele Unternehmen könnten wieder loslegen, und wir würden trotzdem die
Verbreitung eindämmen.

Was sind die Hürden für die Umsetzung Ihrer Ideen?
Love: Ich glaube, wir haben nur noch ein paar Wochen, bevor alle so in der
Not versinken, dass kein Politiker mehr genug geistige Kapazität frei hat,
um intensiv über Techniktransfer und Patente nachzudenken. Es ist jetzt
schon schwer durchzudringen. Marktanreize polarisieren die Leute. Wir
scheinen nur zwei Lager zu kennen: Leute, die Märkte lieben, und Leute, die
Menschenrechte und Gleichheit wichtiger finden. Die einen sagen: Sorry,
aber wir brauchen Monopole für Innovation. Die anderen sagen: Kapitalismus
ist schlimm, Patente sind des Teufels. Dann kommen wir daher und sagen:
Märkte sind mächtige Instrumente, also lass uns sehen, wie wir sie so
gestalten, dass sie unsere gesellschaftlichen Ziele erfüllen, denn man kann
marktwirtschaftliche Anreize setzen und Medizin trotzdem wie ein
öffentliches Gut behandeln. An dem Punkt haben wir schon alle Zuhörer
verloren, die Botschaft ist zu komplex. Einige meiner progressiven Freunde
denken, ich bin zu neoliberal. Und manche konservativen Freunde denken, ich
bin ein bombenwerfender Anarchist.

Beispiel CureVac, eine Firma in Tübingen, die Impfstoffe gegen Corona
entwickelt. Sie wurde nach der Ausgründung aus der Uni privat finanziert –
vom SAP-Milliardär Dietmar Hopp, der Bill & Melinda Gates-Stiftung, dem
Pharmakonzern Eli Lilly. Solange es keine robusten alternativen Anreize
gibt: Warum sollte so eine Firma ihre Rechte an einem Impfstoff in den
globalen Pool geben, den Sie vorschlagen?
Love: Die Firma ist doch ein ideales Beispiel. Der Markt wird so riesig
werden, keine Firma wird ihn mit ihrer eigenen Produktion allein bedienen.
Sie sollten offene Lizenzen vergeben und eine Gebühr verlangen. Sie müssten
noch heute den Medicines Patent Pool anrufen, der für HIV-Medikamente
gegründet wurde, und sagen: »Wir werden Deutschland versorgen, aber könnt
ihr für uns weltweite Lizenzen vermarkten? Wir hätten gerne drei Prozent
des Umsatzes von jeder Firma, die unseren Impfstoff herstellt.« Da kämen
riesige Summen zusammen. Sonst riskiert die Firma, dass ein anderer
Impfstoff zum weltweiten Standard wird und sie selbst nichts vom Markt
abbekommt.

Donald Trump soll CureVac eine enorme Summe geboten haben, damit die Firma
in die USA umzieht oder ihren Impfstoff exklusiv dort zur Verfügung stellt.
Love: Das ist widerwärtig und das Dümmste, was wir jetzt tun können. Offene
Lizenzen sind der beste Weg, um die Produktion schnell zu skalieren. Firmen
sollten daran denken, dass Leute sich noch zwanzig Jahre lang daran
erinnern werden, wie sie in dieser Krise gehandelt haben.
Ress: Wenn wir für Covid-19 neue Anreize ausprobieren und Medizin in diesem
Fall ein öffentliches Gut wird, open source – vielleicht können Leute sich
dann auch bei anderen Krankheiten dafür erwärmen, die vor allem finanziell
ansteckend sind.

Niklas Schenk

recherchierte jahrelang zu Betrug mit Krebsmedikamenten. Fast immer
spielten die obszönen Gewinnspannen im Handel eine Rolle. Also wollte er
herausfinden, wie sich Medikamentenpreise wirkungsvoll senken ließen – und
stieß auf Love und Ress.


-- 
Thiru Balasubramaniam
Geneva Representative
Knowledge Ecology International
41 22 791 6727
thiru at keionline.org


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